Projekt 3

Schmerzvermeidung versus Konfrontation:
Der Einfluss von frontaler Hirnasymmetrie auf die Schmerzverarbeitung

 
Abbildung:
Motivational Model of Frontal Asymmetry nach Davidson et al. und Harmon-Jones & Allen. Die Alpha-Aktivität verhält sich invertiert zur kortikalen Aktivität, sodass relativ erhöhte links-frontale kortikale Aktivität (Indikator für Annäherungsmotivation) mit einer relativ erhöhten rechts-frontalen Alpha-Aktivität einhergeht. Bei relativ erhöhter rechts-frontaler kortikaler Aktivität verhält es sich genau andersherum; demzufolge ist sie ein Indikator für Vermeidungsmotivation und weist eine relativ erhöhte links-frontale Alpha-Aktivität auf.

Referenz:
Rodrigues, J., Müller, M., Mühlberger, A., & Hewig, J. (2018). Mind the movement: Frontal asymmetry stands for behavioral motivation, bilateral frontal activation for behavior. Psychophysiology, 55(1), 1–19. https://doi.org/10.1111/psyp.12908

Einige Funktionen und Verarbeitungsprozesse im Gehirn werden mit einer Präferenz für eine der beiden Gehirnhälften (Hemisphären) ausgeführt, sodass Unterschiede in der Kapazität zur Informationsverarbeitung zwischen der rechten und der linken zerebralen Hemisphäre entstehen. Die Rolle der sogenannten hemisphärischen Asymmetrie wird auch in der Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung diskutiert. Beispielsweise ist bekannt, dass Schmerz und Emotionen, welche dieser Lateralisierung unterliegen, einander wechselseitig beeinflussen, d.h. hemmen oder steigern können. Ein weiteres Persönlichkeitsmerkmal, welches ebenfalls eine Lateralisationstendenz aufweist und mit Emotionen verknüpft ist, sind motivationale Tendenzen. Die hemisphärische Lateralisierung dieser Eigenschaften wird üblicherweise anhand von elektroenzephalographischer (EEG) Aktivität ermittelt. So konnte zum Beispiel in vorherigen Studien ein Zusammenhang zwischen einem EEG-Muster, welches charakteristisch für Vermeidungsmotivation ist, und der Tendenz Schmerz zu katastrophisieren gezeigt werden. Jedoch wurde bislang nicht untersucht, inwiefern sich spezifisch Annäherungs- bzw. Vermeidungsmotivation auf die Schmerzhemmung auswirken.

Im Anbetracht dessen, dass Schmerz-katastrophisieren in Beziehung zum Erhalt und zur Chronifizierung von Schmerzen steht und implizit mit Vermeidungsmotivation korreliert, wird der Fokus in diesem Projekt auf der Untersuchung von Einflüssen der Annäherungs- und Vermeidungsmotivation auf die Schmerzwahrnehmung liegen. Diese Verhaltensdispositionen werden mittels Fragebögen gemessen und anhand eines EEGs im Ruhezustand erfasst. In diesem Kontext ist ein charakteristisches EEG-Muster für Motivation zur Annäherung gekennzeichnet durch eine relativ erhöhte rechts-frontale Alpha-Aktivität. Eine relativ erhöhte links-frontale Alpha-Aktivität hingegen korrespondiert mit einer Motivation zur Vermeidung. Zur Quantifizierung der individuellen Fähigkeit, Schmerz zu regulieren, wird das experimentelle Paradigma der Conditioned Pain Modulation (CPM) angewendet („Schmerz unterdrückt Schmerz“). Es wird davon ausgegangen, dass Individuen mit einer erhöhten Vermeidungstendenz, folglich auch mit einer erhöhten links-frontalen Alpha-Aktivität, schlechter Schmerz inhibieren können.

Im weiteren Verlauf des Projektes soll daher untersucht werden, ob eine experimentelle Veränderung des EEG-Musters (z.B. Mithilfe von Achtsamkeitstraining), hin zu einem Muster korrespondierend zur Annäherungsmotivation, mit einer erhöhten endogenen Schmerzhemmung einhergeht und somit einen Resilienzfaktor in der Schmerzverarbeitung darstellt. Diese Erkenntnisse können einerseits zur Verbesserung von Präventionsmaßnahmen beitragen und erlauben andererseits die Optimierung von Behandlungsmöglichkeiten bei Schmerzerkrankungen.

Projektbeginn: 1.4.2018

Betreuer:
Prof. Dr. Stefan Lautenbacher

Kooperationspartner:
Dr. Philipp Keune, Klinikum Bayreuth GmbH

Stipendiatin:
Sonja Jaruszowic